Rückblick 2003
Aus der Wittlicher Rundschau Nr. 38 vom 20.09.2003:Hans Friderichs zur Wirtschaftslage
Eröffnung der 5. Wittlicher Wirtschaftswoche
Etwa 300 geladene Gäste und Besucher waren am Freitagvormittag ins Festzelt an der Röntgenstraße zur offiziellen Eröffnung der 5. Wittlicher Wirtschaftswoche gekommen.
Bürgermeister Ralf Bußmer begrüßte zahlreiche Vertreter aus der Politik und dem öffentlichen Leben, Unternehmer, Wirtschaftsmanager und Aussteller. Er bedanke sich bei den Sponsoren für die Unterstützung, bei den angrenzenden Firmen für die Überlassung der Grundstücksflächen und der Bereitstellung von Parkraum. Er verwies auf die äußerst positive Entwicklung der Wirtschaftswoche in Wittlich, an der in diesem Jahr 165 Aussteller auf einer Ausstellungsfläche von mehr als 10.000 Quadratmetern teilnehmen.
Bußmer stellte die Bedeutung der Stadt Wittlich in der Region heraus. Als Indiz hierfür nannte er die hohe Zahl von 14.500 Arbeitsplätzen, die in der Stadt bereitgehalten werden. Während in Rheinland-Pfalz auf 1.000 Einwohner 290 Arbeitsplätze kommen, liegt diese Zahl in Wittlich bei 787. “Wir müssen uns funktional mit unserem Angebot in Richtung Oberzentrum entwickeln”, so der Bürgermeister. Diese Entwicklung dürfe nicht an der Gemarkungsgrenze enden, sondern das Umland mit einbeziehen. Nach Meinung des Bürgermeisters befindet sich die Stadt in einem internationalen Standortwettbewerb. Von den anwesenden Bundes- und Landespolitikern forderte er den Mut zu wirklichen Reformen: “Wir brauchen Entscheider”.
Klare politische Linie angemahnt
Dr. Hans Friderichs, Bundeswirtschaftsminister im Kabinett Helmut Schmidt, hielt die Festrede. Er ging auf die derzeitige wirtschaftliche Situation in Deutschland ein und deckte die Ursachen des seit einigen Jahren zu beobachtenden Niedergangs auf.
Friderichs stellte fest, dass die deutsche Wirtschaft seit Beginn der 90er Jahre der Entwicklung in Europa hinterher hinkt. Die einstige “deutsche Lokomotive” ziehe nicht mehr, was wegen des wirtschaftlichen Gewichtes von Deutschland für die gesamte EU negative Auswirkungen habe. Ohne ein Wachstum in Deutschland gebe es auch in Europa keinen Fortschritt. Die in letzter Zeit immer stärker zutage tretenden Schwächen seinen kein neues Problem sondern haben nach Auffassung des Ex-Wirtschaftsministers ihre Ursachen in der deutschen Wiedervereinigung, die Friderichs ausdrücklich begrüßte. Die aus politischer Notwendigkeit heraus durchgeführte Umsetzung habe mit den wirtschaftlichen Anforderungen an die Vereinigung zweier unterschiedlichen Wirtschaftssystem nicht übereingestimmt. Der Umrechnungskurs von 1 : 1 habe nicht nur die Beschäftigung negativ beeinträchtigt, sondern auch die Investitionsfähigkeit der deutschen Wirtschaft geschmälert. Heute stehen die ostdeutschen Betriebe nicht nur in Konkurrenz zu den preiswerter produzierenden Firmen in Fernost, sondern verstärkt auch zu den Beitrittsländern in Osteuropa.
Obwohl der Reformbedarf von der Bundesregierung heute durchaus erkannt werde, wird nach Dr. Friderichs das Ausmass der Probleme der deutschen Wirtschaft noch immer nicht gesehen. Die bestehenden strukturellen Probleme werden durch die angedachten Reformen nicht beseitigt. Nach seiner Meinung setzt die Aufnahme weitere Länder in die EU und die damit verbundene Öffnung nach Osten eine Öffnung im Innern voraus. Nur durch eine Lockerung der Tarifbindung kann der Zuwanderungsdruck billiger Arbeitskräfte aufgefangen werden. “Die Gleichmacherei durch Flächentarifverträge muss der Vergangenheit angehören”, so eine der Forderungen von Dr. Friderichs. Nur so kann wirklich etwas für die Arbeitssuchenden getan werden. Hinter dem Agieren der Gewerkschaften und Arbeitgeber sieht er ein “Kartell gegen die Nicht-Arbeitsplatzinhaber”, welches zur Beseitigung der strukturellen Ursachen der Arbeitslosigkeit wenig beiträgt.
Die beabsichtige Vorziehung der Steuerreform sei ein richtiges und wichtiges Signal. Auf keinen Fall dürften aber zur Refinanzierung der Einnahmeausfälle Steuererhöhungen vorgenommen werden. Vor dem Hintergrund, dass ein Drittel der Steuereinnahmen als Subventionen wieder weitergereicht werden, sei eine Finanzierung über den Abbau von Subventionen ohne Probleme möglich. Als besonders wichtig stellte Friderichs die Zuverlässigkeit politischen Handels heraus. Nur auf klare, für längere Zeiten verbindliche Vorgaben könne sich die Wirtschaft einstellen.
Die Gäste der Eröffnung besuchten anschließend gemeinsam die Ausstellungshallen.
